Hamburger Staatsoper wagt mit Tobias Kratzer einen radikalen Neuanfang
Felicia BeyerHamburger Staatsoper wagt mit Tobias Kratzer einen radikalen Neuanfang
Die Hamburger Staatsoper präsentiert ihre kühne neue künstlerische Ausrichtung unter Tobias Kratzer
Seit 2023 als Intendant der Hamburger Staatsoper setzt Tobias Kratzer mit einer mutigen künstlerischen Neuausrichtung Akzente. Den Auftakt dieser frischen Vision markierte die Premiere von Das Paradies und die Peri, einem weltlichen Oratorium, das auf einer orientalischen Erzählung aus Thomas Moores Lalla Rookh basiert. Unter der Leitung des neu berufenen Generalmusikdirektors Omer Meir Wellber verschmolz die Aufführung zeitgenössische Themen mit klassischem Erzählstoff.
Die von Kratzer inszenierte und von Rainer Sellmaier gestaltete Produktion brachte aktuelle gesellschaftliche Fragen auf die Bühne. Das Publikum reagierte begeistert auf die energiegeladene Interpretation, doch die Meinungen zur szenischen Umsetzung blieben gespalten.
Das Oratorium begleitet Peri, ein engelhaftes Wesen, das von Vera-Lotte Boecker verkörpert wird, auf ihrer Suche nach einem Geschenk, das des Paradieses würdig ist. Ihre Reise führt sie durch Krieg, Pest und generationenübergreifende Konflikte – Boecker kletterte dabei sogar über die Zuschauerreihen, um direkt mit dem Publikum in Kontakt zu treten. Diese physische Interaktion symbolisierte das Öffnen der Himmelspforte und hinterließ einen starken Eindruck beim Publikum.
Kratzer und Sellmaier verpassten der jahrhundertealten Erzählung eine scharfe zeitgenössische Note. Im dritten Akt wurde die Klimakrise explizit thematisiert: Kinder spielten unter einer verschmutzten Plastikkuppel. Das kreative Team wollte die heutige Welt widerspiegeln und webte Themen wie Umweltzerstörung und soziale Spaltung ein.
Auf der Bühne lieferte die Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter Wellbers Dirigat eine mitreißende Darstellung. Das Ensemble glänzte, mit herausragenden Leistungen von Eliza Boom, Kai Kluge und Christoph Pohl. Ihre Präzision und Energie entsprachen der ambitionierten Inszenierung und unterstrichen die emotionale Wucht des Werks.
Diese Premiere ist Teil eines umfassenderen Wandels an der Hamburger Staatsoper. Kratzer setzt auf weniger Produktionen mit intensiveren Probenphasen und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen neuen Werken und Klassikern. Die Spielzeit 2025/26 unter dem Motto Framing the Repertoire wird Uraufführungen wie Olga Neuwirths Monster's Paradise – eine Koproduktion unter Kratzers Regie – sowie eine neu interpretierte Frauenliebe und -leben bieten. Wiederaufnahmen von Il trovatore, Ruslan und Ljudmila und Così fan tutte kehren ebenfalls auf den Spielplan zurück und zeigen die erweiterte szenische Rolle des Chors.
Kratzer hat deutlich gemacht, dass er die Oper stärker für die Hamburger Gesellschaft öffnen will. Gemeinsam mit Wellber strebt er Aufführungen an, die das Publikum herausfordern und auf neue Weise einbinden.
Die Premiere von Das Paradies und die Peri gab den Ton für die Zukunft der Hamburger Staatsoper unter Kratzer und Wellber vor. Ihr Ansatz – die Verbindung kühner zeitgenössischer Themen mit hohem musikalischem Anspruch – wird die kommenden Spielzeiten prägen. Mit anstehenden Premieren und einem erneuerten Fokus auf Publikumseinbindung positioniert sich das Opernhaus als kulturelles Zentrum der Stadt.






